Work-Life-Balance

Vereinbarkeit von Beruf und Familie / Beruf und Pflege

Für kleine und mittelständische Unternehmen stellen Vereinbarkeitsstrategien eine betrieblich relevante Notwendigkeit bezüglich Wirtschaftlichkeit und Organisationskultur dar. Flexible Arbeitszeiten, Home-Office-Plätze oder Eltern-Kind-Büros sind in einer Reihe von Unternehmen bereits eine Selbstverständlichkeit. Wesentlich vielschichtiger sieht die Situation aus, wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausfallen, weil ein pflegebedürftiger Angehöriger betreut werden muss. Physische und psychische Belastungen und die Ungewissheit über die Dauer der Pflegezeit veranlassen viele Fachkräfte dazu, insbesondere Frauen, ihre Berufstätigkeit einzuschränken oder sogar ganz aufzugeben.

 

Das Seminar stellt Analysen, Wege und Maßnahmen eines modernen Personalmanagements vor, die dazu führen, eine familienbedingte Arbeitnehmerfluktuation zu vermeiden und Betroffene zu entlasten.

Mitarbeiter entlasten - Unternehmen stärken

In Kooperation mit dem Caritasverband Bonn e.V. sowie der IHK Bonn/Rhein-Sieg veranstaltete der Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln e.V. die dritte Work-Life-Balance-Veranstaltung am 26.11.2014 in den Räumlichkeiten der IHK in Bonn.

Rund 30 Teilnehmende interessierten sich bei der Informationsveranstaltung dafür, welche Möglichkeiten kleine und mittelständische Unternehmen haben, Ihre Mitarbeitenden hinsichtlich der Vereinbarkeit von Privatleben und Berufstätigkeit zu unterstützen und damit den Unternehmenserfolg nachhaltig zu sichern. Denn Erfolg und Zukunftsfähigkeit von Unternehmen stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Wohlbefinden und der Motivation seiner Mitarbeitenden. Stress am Arbeitsplatz, persönliche Belastungen sowie Probleme bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf vermindern die Arbeitsfähigkeit von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, gefährden den wirtschaftlichen Erfolg und die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen.

Michael Pieck von der IHK Bonn, ein Haus mit rund 70 Mitarbeitenden,  betonte in seiner einführenden Rede die Wichtigkeit der Balance zwischen Arbeit und Leben. Eine Kooperation mit dem Hochschulsport, eine Tischtennisplatte, die Beteiligung am offiziellen Firmenlauf, eine eigene IHK-Fußballmannschaft sind nur einige der vielen Möglichkeiten, die die IHK ihren Mitarbeitern zum körperlichen Stressabbau anbietet.

Caritasdirektor Jean-Pierre Schneider unterstrich die Wichtigkeit, Partner mit ins Boot zu holen, um den Mitarbeitenden genau die fachliche Unterstützung anbieten zu können, die sie in ihrer individuellen Situation benötigen. Das können Maßnahmen der Gesundheitsprävention sein, aber auch Unterstützungsangebote bei der Suche nach Betreuungsmöglichkeiten für Kinder sowie bei der Suche nach geeigneter Pflege für Angehörige.  Schneider betonte, dass der Bonner Caritasverband sich schon lange als Partner für Unternehmen in ihrer Fürsorge für Mitarbeitende versteht.

In einem einführenden Vortrag zum Thema: Warum „Work-Life-Balance gerade für den unternehmerischen Erfolg von KMUs entscheidend sein kann, beschrieb Alexandra Wachendorfer von ar priori Bonn, das Leben als ein auf vier wichtigen Säulen stehendes Konstrukt: Sinn, Beruf, Familie, Körper – alle vier Säulen müssen im Leben stabil sein. Die Realität stellt sich dagegen weniger ausgewogen dar: 50 % aller Beschäftigten haben Betreuungsaufgaben – sei es im Bereich der Kinderversorgung oder/und der Pflege von Angehörigen. Die Folge ist ein wachsender Anspruch an Arbeitgebende entsprechende Vereinbarkeitsmodelle anzubieten. Rund 25 % aller Fachkräfte haben schon einmal den Arbeitgeber aus Gründen mangelnder Familienfreundlichkeit gewechselt. Darum können vor allem KMUs erfolgreich agieren, wenn Angebote wie Gesundheitstage, „Sport“ in der Mittagspause, mobiles Arbeiten, flexible Pausen, Teilzeit in Führungsposition u.v.m. auf dem Programm stehen.

Achim Schaefer vom betrieblichen Beratungszentrum Bonn (BBZ), einer Gemeinschaftseinrichtung von Caritas und Diakonie stellte Beratungsangebote und Dienstleistungen des BBZ vor, die in Kooperation mit Unternehmen Mitarbeitende bei der Bewältigung ihrer beruflichen, persönlichen und psychosozialen Belastungen unterstützen. Mit der folgenden aktuellen Statistik konnte er die Brisanz des fehlenden Ausgleichs zwischen Arbeit und Leben unterstreichen: die Zahl der psychischen Erkrankungen steigt kontinuierlich an. Bei  85.000 ausgewerteten Datensätzen der DAK in Köln stehen die psychischen Erkrankungen an zweiter Stelle nach den Skeletterkrankungen, in Bonn sogar an erster Stelle. Auch Sabine Spitzlei vom BBZ nennt als wichtiges Ziel den Erhalt und die Förderung von Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Mitarbeitenden. „Nicht der Wind bestimmt den Kurs, sondern wie setze ich die Segel“. Frau Spitzlei erläutert die vier Module des BBZ: Modul 1: Individuelle Hilfe, Modul 2: das Angebot von Seminaren, Modul 3: Coaching und Schulungen, Modul 4: Wiedereingliederungsmanagement.

Markus Baum Personalleiter der Volksbank Bonn Rhein-Sieg und zufriedener Kunde des BBZ, erläutert konkret, wie in seinem Haus auf die Gesundheit der Mitarbeitenden geachtet wird. Eine simple, aber effektive Methode sei das Verwenden von Bildschirmschonern mit Hinweisen auf Impf-Angebote im Haus. „Sie müssen den Mitarbeitenden täglich vor Augen führen, was sie nutzen können. Sonst schläft das Interesse an unseren Angeboten schnell wieder ein“, so Baum. Es gibt ein reichhaltiges Sportangebot sowie Massagen, ein regelmäßig angebotenes Hautscreening sowie die Teilnahme am Firmenlauf, um nur einige Aktivitäten zu nennen. Auch hier spielt wieder der Satz „ein gesundes Unternehmen braucht gesunde Mitarbeiter“ die zentrale Rolle. Die Wartezeit, professionelle Hilfe bei psychischen Erkrankungen zu erhalten, sei zu lang. Die Volksbank als Kunde vom BBZ profitiert beispielsweise von den wirklichen minimalen Wartezeiten, die maximal wenige Tage betragen, bis ein Arzttermin angeboten werden kann.

Abschließend stellten Dr. Heike Wiemert, Leiterin des Netzwerkes für Kinderbetreuung in Familien in Bonn, und Birgit Ratz Bereichsleiterin der ambulanten Pflege weitere spezifische Angebote des Bonner Caritasverbandes vor, die zusammen mit den Diensten des BBZ ein umfassendes Netz an Hilfestellungen für Unternehmen und Mitarbeitende mit besonderen privaten Herausforderungen darstellen.

 

 

Viel mehr als die Vereinbarkeit von Beruf und Kindererziehung

Den Nutzen familienfreundlicher Personalpolitik für den Unternehmenserfolg haben viele Arbeitgeber längst erkannt und inzwischen ihr Spektrum der angebotenen Maßnahmen deutlich erweitert, denn es geht nicht mehr nur um die Unterstützung des Wiedereinstiegs junger Mütter nach einer Babypause.

Auch immer mehr Väter wollen ihren familiären Pflichten nachkommen. Gut 30% der Väter nehmen heute mindestens 2 Monate Elternzeit in Anspruch. 91% der Kleinkindväter wollen keine Wochenend-Papas sein sondern auch während der Woche Zeit für Ihre Kinder haben. Außerdem mehren sich die Fälle, in den Mitarbeitende neben ihrer beruflichen Herausforderung private Pflege- und Betreuungsaufgaben übernehmen, um die Eltern zu versorgen.

Durch die Übernahme familiärer Aufgaben steigt aber häufig auch die körperliche und psychische Belastung der betroffenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit der Folge einer steigenden Krankheitsquote. Beängstigend ist ein Ergebnis des Engagement-Index 2012 von Gallup, nach dem 61 von 100 Beschäftigten Dienst nach Vorschrift machen und jeder vierte innerlich gekündigt hat. Es gilt, das Leben stressfreier zu gestalten und dabei kann ein Arbeitgeber seine Mitarbeitenden unterstützen.

Wie aber die konkrete Ausgestaltung im eigenen Unternehmen aussehen kann, das wurde mit Alexandra Wachendorfer, Referentin des Praxisworkshops am 22.10.2014, diskutiert. Die Bonner Unternehmerin ist sachkundige Gutachterin, zertifizierte Demografie- und Mittelstandsberaterin und EFQM-Assessorin und bringt über 20 Jahre fundierte Berufserfahrung im Thema mit.

Ob Arbeitsort, Arbeitsorganisation oder Arbeitszeit, es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, Vereinbarkeitsmaßnahmen anzusetzen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten u.a. unter welchen Umständen es möglich ist, Kinder in Ausnahmefällen mit an den Arbeitsplatz zu nehmen. Oder auch, wie viele Telearbeitsplätze ein Familienunternehmen mit ca. 40 Mitarbeitenden verträgt, ohne dass die internen Abstimmungsprozesse auf der Strecke bleiben. Auch wurde diskutiert, dass es nicht nur Sonderprogramme für Mitarbeitende in besonderen Lebenslagen geben sollte, sondern auch Angebote für diejenigen, die gerne und selbstverständlich zurückstecken, um ihren Kollegen die Erfüllung ihrer familiären Pflichten zu ermöglichen. Auch sie benötigen Wertschätzung. Entsprechende Angebote können z.B. unter dem Begriff  „Gerechtigkeitsmanagements“ erarbeitet werden.

Es gibt keine Standardlösung, die für alle gleichermaßen passt. Jede Organisation muss individuell betrachtet und analysiert werden. Wesentlich dabei ist allerdings – und dies kommt laut Wachendorfer häufig zu kurz – eine offene und glaubwürdige Information und Kommunikation der Angebote. Der Hinweis auf  familienfreundliche Maßnahmen auf der Unternehmenswebsite wird vor allem von Bewerbern positiv aufgenommen. Denn gerade jüngere potentielle Nachwuchskräfte legen deutlich mehr Wert auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf als noch ihre Elterngeneration.