Klischee-Basar

Typisch...!?

Wenn wir sagen, das ist ja mal wieder typisch Mann/Frau/Ausländer/Politiker…, bedienen wir uns Klischees. Sie begegnen uns ständig: in der Werbung, in Boulevardmedien, in den Nachrichten, in Gesprächen mit Freunden: stets nutzen wir vorgefertigte Bilder, die uns das Leben einfacher machen.

Der Begriff Klischee kommt aus dem Französischen von clichè, der eine stempelartige Form beschreibt, die es erlaubt, Motive oder Schriftzüge zu reproduzieren und nach Belieben zu drucken. In diesem Sinne meint Klischee eben auch das schablonenhafte Denken, das wir mit dem Wort Schubladendenken verbinden. 

 

Klischees (oder auch Stereotype) helfen uns, die verwirrende Vielfalt unserer Welt in „Schubladen“ einzuordnen und machen die Welt für uns einfacher und weniger bedrohlich. Stereotype Bilder bestätigen, dass wir vermeintlich Bescheid wissen. Sie basieren auf vermeintlichem Wissen, das nicht auf selbst gemachten Erfahrungen beruht, sondern das wir einfach übernommen haben. Klischees ermöglichen uns also eine schnell Einschätzung, dessen, was wir sehen, ignorieren aber individuelle Unterschiede oder Veränderungen innerhalb dieser Gruppe. Hier zeigen wir nun ein paar Beispiele vermeintlicher kultureller Errungenschaften.

Typisch deutsch? Nein, unser Gartenzwerg ist ein Migrant aus Anatolien

 

Er gilt als DAS Symbol deutscher Spießbürgerlichkeit. Ausgerechnet der urdeutsche Gartenzwerg ist ein Beispiel dafür, dass es die Globalisierung schon gab, bevor das Wort überhaupt erfunden war. Sein ikonografisches Vorbild entstand nämlich schon vor etwa 800 Jahren in Anatolien. Von dort kam es über Italien schließlich nach Mitteleuropa.

 

Der Soziologe Hans Werner Prahl hat sich in den 1970er Jahren in seinen Forschungen ausführlich dem Gartenzwerg gewidmet. Er zeigte auf, dass in den Bergwerken  der Osttürkei zahlreiche Sklaven aus Nordafrika eingesetzt wurden, vornehmlich Pygmäen. Um deren scheinbar übernatürliche Kräfte im Bergbau zu bannen, stellten die Menschen kleine Tonfiguren in die Landschaft. Ihre Phrygische Mütze, die bereits in der Antike die Bewohner des Landes charakterisierte, weist deutlich auf ihre Herkunft hin.

 

Italienische Kaufleute brachten die Figuren später nach Italien, wo sie bald in Adelshäusern oder Parks Verwendung fanden. Um 1500 werden sie dann auch diesseits der Alpen sichtbar und zu Stammvätern der Gartenzwerge, die in Deutschland wahrscheinlich deshalb so beliebt sind, weil sie Werte wie Fleiß, Ernst und Zuverlässigkeit symbolisieren, Werte, die wiederum als "typisch deutsch" gelten.

 

Natürlich geht es nur um das Bild der Zwerge, nicht um die Zwerge selbst. Die gab es natürlich auch in unseren Breitengeraden schon länger, sie hatten ihren Ursprung in Märchen sowie der germanischen und nordischen Mythologie (z.B. Edda, Isländersagas).

 

Quelle:

http://www.welt.de

http://www.zeit.de

Typisch deutsch? Nein, das Sauerkraut ist ein echter Globetrotter

 

Es gilt als DAS deutsche Nationalgericht, wurden die Deutschen doch z.B. von den Engländern jahrzehntelang „Krauts“ genannt. Historiker sind sich aber ziemlich einig: Die milchsaure Gärung ist neben dem Trocknen und Salzen eines der ältesten Konservierungsverfahren für Lebensmittel, was vermutlich bereits seit mehr als 10.000 Jahren angewendet wird. Die Ursprünge des Sauerkrauts liegen wahrscheinlich in Ostasien. Im Buch „Kulturgeschichte der deutschen Küche“ wird vermutet, dass das Sauerkraut auf das koreanische kimchi oder auf das chinesische suan cai zurückgeht.

 

Da aber auch schon der griechische Arzt und Philosoph Hippokrates (466-377 v. Chr.) in seinen Schriften das Sauerkraut als Heil- und gesundes Lebensmittel beschrieb und die Römer das eingelegte Kraut geschätzt haben sollen, gibt es auch Vermutungen dass sich das Kraut in mehreren Regionen der Erde unabhängig voneinander entwickelt haben könnte.

 

Einigen Forschern zu Folge brachten Mongolenstämme und Tataren das Sauerkraut von China in den Westen. Im 13. Jh. könnte es nach Osteuropa gelangt sein mit den Mongolen, die es bis ins heutige Polen geschafft haben, von wo aus es sich dann zunächst im baltischen und slawischen Raum verbreitete, bevor es dann immer weiter nach Westen kam.

 

Neben Deutschland wird Sauerkraut vor allem in vielen Ländern geschätzt, vor allem in Ost- und Mitteleuropas. Zudem liegt der Pro-Kopf-Verbrauch in Frankreich und Amerika erstaunlicherweise viel höher als in Deutschland.

 

Quelle:
http://www.sauerkraut.de

http://www.planet-wissen.de

Typisch deutsch? Ja, der Begriff kann partout nicht wörtlich so übersetzt werden, dass das Wesen des Abendbrots getroffen wird.

 

Das Abendbrot ist eine deutsche Spezialität – brotbasiert, kalt, komponentenreich, deftig und lecker. Es findet in vielen Familien gegen 18.00 Uhr statt und sieht idealtypisch so aus: verschiedene Brotsorten, Butter, Käse, Wurstaufschnitt, Tomaten und Gewürzgurken.

 

Jedes Familienmitglied schmiert sich auf Holzbrettchen seine Brote selbst. Es wird gemütlich an einem Tisch gespeist und nicht auf der Couch vor dem Fernseher hinuntergeschlungen. Dazu trinkt man Früchte- oder Kräutertee, Bier oder ein Glas Weiss- oder Rotwein. Manchmal wird auch eine heiße Suppe oder die Reste vom Mittag gegessen. Das Abendbrot ist eine typisch deutsche Tradition, eine vergleichbare Mahlzeit findet man nicht in der Welt. Zumal es mehr ist, als nur ein vielfältiges kaltes Abendessen: für die Menschen mit vielen Erinnerungen an die Kindheit verbunden und daher Tradition, obwohl noch bis ins 20. Jahrhundert hinein abends oft warm gegessen wurde. Wahrscheinlich vollzog sich der Übergang zum kalten Essen zwischen 1920 und 1950. Dank des Aufkommens der Kantinen konnten Arbeiter und Angestellte nun mittags warm speisen. Verbunden mit der Liebe der Deutschen zum Brot entstand so das typisch deutsche Abendessen.

 

Und dennoch, seit einigen Jahren wird in vielen haushalten verstärkt abends richtig gekocht - durch den Einfluss aus anderen Ländern (z. B. aufgrund von Urlaubsreisen), aber auch durch Änderung der Tagesstruktur oder weil viele mittags bei der Arbeit nicht mehr warm essen. Dennoch: eine Studie aus dem Jahr 2014 besagt, dass immerhin noch ein Drittel aller deutschen Bürger täglich ein klassisches Abendbrot zu sich nimmt, in Teilen Ostdeutschlands liegt dieser Wert sogar bei 57%.

 

Quellen:

http://www.tagesspiegel.de

https://www.hs-rm.de

http://www.presseportal.de

Typisch deutsch? Zumindest eine deutsche Erfindung, die in die Welt hinaus ging, aber ganz bestimmt kein exklusiv deutsches Konzept.

 

Wer in der Welt unterwegs ist, dem begegnet im alltäglichen Sprachgebrauch das deutsche Wort Kindergarten. Dieser Begriff wurde aus dem Deutschen einfach übernommen, da der Deutsche Friedrich Wilhelm Fröbel den Kindergarten, wie wir ihn kennen, erfunden hat.

 

Die Engländer waren von diesem damals sehr fortschrittliche pädagogischen Konzept sehr angetan, da eine vergleichbare Institution dort nicht bekannt war und so wurde der Begriff Mitte des 19. Jahrhunderts gleich mit importiert, denn es gab einfach kein passendes  englisches Wort, um diese Einrichtung prägnant zu beschreiben. Heute wird verstärkt der Begriff nursery school verwendet und die Bezeichnung Kindergarten häufig nur noch für Werbezwecke genutzt. Der erste Kindergarten Nordamerikas wurde von einer Deutschen gegründet, die mit Fröbel bekannt war und an seinem Institut studierte.
Zudem ist der Begriff auch im Italienischen, Japanischen, Schwedischen und Spanischen bekannt.

 

Quelle:

https://de.wikipedia.org

http://www.brigitte.de

Typisch deutsch? Sie ist eine echt deutsche Erfindung, aber mit hybrider Identität, denn ohne „Curry“ und „Ketchup“, wäre sie einfach nur eine Wurst.

 

Wo sie tatsächlich erfunden wurde, in Hamburg, Berlin, oder im Ruhrgebiet, das wird wohlmöglich nie geklärt werden. Fakt ist allerdings, dass die häufig als Erfinderin angesehene Herta Heuwer „ihre“ mehr oder weniger durch Zufall erfundene Currywurst im Jahre 1959 unter dem Namen „Chillup“ als Patent in Berlin schützen ließ.

 

Seitdem ist sie aus der deutschen Imbisslandschaft nicht wegzudenken: Neben Sandwich, Burger und Döner liegt die Currywurst unter den TOP4 der Fast Food-Snacks. Und tatsächlich wird sie fast nur in Deutschland gegessen, aber so deutsch wie man denkt, ist die Currywurst gar nicht. Im Gegenteil, sie ist ein echter Multikulti-Star, schaut man auf ihre einzelnen Bestandteile Die Tomate kommt ursprünglich aus Mittel- und Südamerika, erst ab 1900 kam sie langsam in Deutschland in Mode. Die erste Variante eines Ketchups wurde in England entwickelt, inspiriert von Saucen aus dem Empire, speziell aus Indonesien. Der erste Ketchup aus Tomaten wurde in den USA hergestellt, und kam mit den US-amerikanischen Besatzern 1945 nach Deutschland. Das Curry, ursprünglich aus Indien und Sri Lanka, kam zur gleichen Zeit mit englischen Soldaten. Die als weitere Zutat benötigte Worcestershire Sauce ist ebenfalls eine durch asiatische Würzsaucen inspirierte englische Erfindung. 

 

Die ungebrochene Beliebtheit der Currywurst liegt nicht nur am Geschmack der jeweils individuellen Rezeptur, sondern auch daran, dass sie ein Lebensgefühl vermittelt. Vom Arbeiter bis zum Michelin-Koch, ob „nache Schicht“, als hippes Abendessen oder Partysnack in der Nacht, die Currywurst kennt keinen Standesdünkel und keine soziale Schicht, am Currywurststand sind alle gleich!

 

Quelle:

http://www.bvdf.de

https://de.wikipedia.org

 

Fazit:

Klischees sind praktisch und alltäglich, aber auch problematisch, denn sie beeinflussen unser Verhalten gegenüber Menschen. Wenn wir den Klischees darüber hinaus auch noch Wertungen hinzufügen, dann werden sie zu Vorurteilen, die dazu führen können, dass Menschen abgewertet und deshalb schlechter behandelt werden, weil man sie als anders als man selbst einschätzt. So führt die pauschale Behauptung, eine gesellschaftliche oder religiöse Gruppe neige zu Kriminalität, Gewalt, Fanatismus etc. im Endeffekt zu Rassismus und Diskriminierungen.

Im Englischen gibt es die Redewendung: „Don’t judge a book by its cover“. Das Projekt die lebende bibliothek hat sich genau das zum Ziel gesetzt:

Gib Diskriminierung keine Chance – Pfeiff auf die Schubladen und rede viel mehr mit anderen als über andere, denn je besser man eine Person kennenlernt, desto differenzierter wird das Bild, das man sich von ihr macht und desto weniger Raum bekommen Stereotype und Vorurteile.

Weitere Informationen findest du hier