Notel Köln

Notschlafstelle & Krankenwohnung für Drogenabhängige Bärbel Ackerschott Victoriastr. 12 50668 Köln T 0221 / 121311 F 0221 / 121311 ackerschott@spiritaner-stiftung.de; notel@t-online.de

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Weil sie leben, was sie glauben

Die Laienspritaner

 

Der nachfolgende Text ist entnommen:

Schmidt, Gudrun: "Mit Gott reden wie mit einem Freund. Geistliche Aufbrüche im Erzbistum Köln." Seite 60 - 67

Köln: Drei-Kronen-Reihe 2013.

140 Seiten mit zahlreichen Fotos.

Zu bestellen bei der Pressestelle des Erzbistums Köln (Hrsg) unter 0221 / 16 421 411 oder unter presse@erzbistum-koeln.de.

 

Es ist abends halb sieben. Als ich mit Bärbel Ackerschott und ihrem Hund Krümel ankomme, sitzen auf den Treppenstufen vor dem Eingang des Hauses in Köln an der Victoriastraße schon sieben Männer mit ihren Rucksäcken. Es ist zwar noch zeitig, aber sie wollen die ersten sein, wenn um 20 Uhr geöffnet wird. Sie wissen aus Erfahrung: Es gibt nur zehn Notbetten, und wer zu spät kommt, der muss leider wieder gehen, auf der Straße nächtigen - oder in einem der anderen Unterkünfte in Köln sein Glück versuchen - beim Sozialdienst Katholischer Männer oder bei der Drogenhilfe.

Wir gehen durch den Hintereingang ins Haus. Im Aufenthaltsraum steht das Geschirr für die abendliche Mahlzeit auf dem Tisch bereit, während in der benachbarten Küche im Ofen das Abendessen gart. Es duftet bereits Appetit anregend. "Heute gibt es Geschnetzeltes mit Klößen", verrät Melanie, die noch mit dem restlichen Abwasch beschäftigt ist. Mit Michelle steige ich hinunter in den Keller. Aus der Gefrierkammer holen wir in einem großen Korb Fleisch und Gemüse für den nächsten Tag nach oben, dazu mehrere tief gefrorene Torten, denn am kommenden Nachmittag wird das "Sonntagscafe" in den Räumen der NotschlafsteIle öffnen. Dann faltet und legt Michelle die gewaschenen und getrockneten Handtücher zusammen, die in zwei großen Körben bereitstehen, ebenso Hemden und Hosen und ordnet die Wäsche in einen Schrank. Schließlich soll alles fertig sein, wenn die Nachtgäste kommen.

 

Halt und Hoffnung geben

Nein, nicht "Hotel", sondern "Note!" nennt sich diese Einrichtung hier in Köln in der Victoriastraße 12. Es sind obdachlose Drogenabhängige, die hier für die Nacht ein Dach über dem Kopf und ein Bett finden - und so etwas wie Heimat, denn hier sind sie willkommen . An 365 Tagen im Jahr, Wie in vielen Städten, so begegnen wir auch in Köln Notleidenden, Verzweifelten, Menschen "in der Gosse". Ebenso treffen wir hier auch Menschen, die denen am Rande der Gesellschaft bei stehen, ihnen "in christlicher Verantwortung Wertschätzung entgegen bringen, ihnen Vertrauen, Halt und Hoffnung geben in aussichtslos scheinender Situation." So steht es in der Urkunde des Anton-Roesen-Preises, mit der das Note! vom Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum Köln ausgezeichnet wurde.

Sie warten schon zeitig vor der Tür, um dabei zu sein, wenn das Notel öffnet und für die Nacht eine Anzahl Gäste aufnimmt, ihnen ein Dach über dem Kopf, eine warme Mahlzeit und ein Bett bietet.

Bärbel Ackerschott ist Leiterin dieser ungewöhnlichen Herberge, die von der Spiritaner-Stiftung getragen wird, einer Gründung der Ordensgemeinschaft der Spiritaner. Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Weltmission, und darüber hinaus sehen sie ihre Aufgabe auch darin, zu Hause "zuerst zu denen zu gehen, die unterdrückt und am meisten benachteiligt sind, dorthin, wo die Kirche nur schwer Arbeiter findet".

"Ohne Note! wäre ich schon unter der Erde", schreibt Heinz im Internet. Und Harald stellt fest: "Es ist verdammt gut, dass es euch gibt. Das NoteI ist schon fast für mich wie eine Familie geworden." Zeugnisse, die bestätigen, wie not -wendig es ist, dass es diese Einrichtung gib t - und die Menschen, die hier die Arbeit tun. "Hier darf ich meine Berufung leben", sagt Bärbel Ackerschott., die mit ihren Mitarbeitern Und Mitarbeiterinnen ganz bewusst alles andere als eine leichte Aufgabe übernommen hat.

 

Auch Abfall hat Würde

Es ist 18.45 Uhr, viertel vor sieben. Zeit für die Vesper. dienstags und donnerstags ist Heilige Messe. In der kleinen Kapelle gleich neben dem Aufenthaltsraum hat Bärbel Ackerschott die Osterkerze angezündet und eine prächtige weiße Hortensie neben sie gestellt. "Unser Kreuz ist ein weggeworfenes Friedhofskreuz von Kloster Knechtsteden", erklärt sie mir. "Denn auch Abfall ist schön, er hat Würde, in ihm ist Gott gegenwärtig. Unsere Gäste nennen sich Junkies - Abfall. "Rechts vom Kreuz sehe ich einen großen Stein - ein Stück vom Kölner Dom, ein Stück Ortskirche. In einer Glasvitrine in der Ecke sitzt eine Krippenfigur, die einen Junkie darstellt. Während der Advents- und Weihnachtszeit ist sein Platz in der Krippe der Kirche Maria Lyskirchen. Außerhalb dieser Zeit ist er im Notel zu Hause. Mir fallen die vielen Zettel auf, die aus der dicken Bibel herausragen, die unter dem Kreuz liegt. Jeden Abend, wenn zum Abschluss des Tages von den Mitarbeitern die Komplet gebetet wird, werden die Namen aller Übernachtenden und Kranken vorgelesen und der Zettel als Ritus des Abgebens an den Auferstandenen Herrn in die Bibel gelegt.

Bärbel, die mit Michelle heute die Verantwortung hat, öffnet punkt 20 Uhr die Tür, um die Schlafgäste nach und nach hineinzubitten. "Hallo Max", begrüßt Bärbel den ersten. Er folgt ihr ins Büro. Michelle macht sich Notizen. Wie viele Male ist er in letzter Zeit dagewesen? Denn wer 21 Mal hier war, muss eine Woche lang Pause einlegen, um auch anderen Platz zu machen. Max verstaut seinen Rucksack in einem Schließfach. Unaufgefordert nimmt er sich den Gürtel ab - eine Regel, die verhindern soll, dass die Übernachtungsgäste sich den Arm abbinden können, um Heroin zu spritzen. Dazu gehört auch die Suchtmittelkontrolle. Ein Mitarbeiter überprüft jeden nach möglicher weise in seiner Kleidung versteckten Spritzen und Drogen.

Dann wirft Max den Anorak in einen Korb, lässt die Socken folgen. Er weiß: über Nacht wird alles gewaschen, und morgen erhält er seine Sachen sauber zurück. Fast so, als gäbe es noch die Kölner Heinzelmännchen. Aber hier ist es heute Estafan, der dafür zuständig ist. Max holt sich saubere Bettwäsche aus dem Schrank, denn er muss vor dem Abendessen sein Bett beziehen.

 

Regeln sind entscheidend

Regeln sind in der Suchtarbeit ganz entscheidend. Das wissen hier alle und akzeptieren dies auch. Wer sie nicht befolgt oder gar randaliert, bekommt Hausverbot. In hartnäckigen Fällen muss die Polizei geholt werden. "Das mache ich ungern, aber zum Glück kommt es nur sehr selten vor", sagt Bärbel Ackerschott. In der Hausordnung lese ich u.a.: "Besitz, Handel und Konsum von bzw. mit Drogen sind verboten, ebenso das Mitbringen von leeren oder vollen Alkoholflaschen sowie die Anwendung oder Androhung von Gewalt." Außerdem heißt es: "Die Übernachtung ist kostenlos. Dein Beitrag ist die Mitarbeit in der Wohnung, d.h., dass Du Dein Bett beziehst und abziehst und Dich an den Reinigungsarbeiten beteiligst."

Inzwischen sind alle Wartenden aufgenommen und überprüft worden. Einer von ihnen ist heute zum ersten Mal da. Ihm wird die Hausordnung genau erklärt. Nun ist es Zeit zum Abendessen. Im Aufenthaltsraum nehmen sie an dem großen Tisch Platz. Zunächst wird über das gewünschte Fernsehprogramm abgestimmt. Dann füllen sich alle ihren Teller mit Fleisch und Klößen. Es scheint gut zu schmecken, denn sie langen kräftig zu. Wer Reste auf dem Teller lässt, weil er sich zu viel genommen hat, muss mit Hausverbot von einer Nacht rechnen, denn zur Hausordnung gehört auch die Regel, dass Speisen nicht weggeworfen werden. Ebenso dürfen keine Gespräche über Drogen und deren Beschaffung geführt werden.

 

Krankenwohnung in der dritten Etage

Estafan stellt das Essen für die Kranken auf ein Tablett und bringt es in die dritte Etage, wo die Krankenwohnung untergebracht ist. Dort gibt es noch einmal sechs Betten, vier Duschen und vier Toiletten, dazu eine Küche und zwei Aufenthaltsräume. Aufgenommen werden kranke obdachlose Drogenabhängige, die nicht stationär in einem Krankenhaus behandelt werden. Zurzeit liegt dort ein junger Mann, der stark erkältet ist, und im anderen Zimmer ein älterer mit einem verletzten Fuß. "Wir betreuen sie 24 Stunden. Zusätzlich gibt es für den Notfall einen Alarmknopf um uns zu rufen", erklärt Estafan.

Die meisten sind vom langen Herumlaufen in der Stadt müde und fallen erschöpft ins Bett. Einige wollen sich vom Straßenstaub befreien. Sie holen sich ein sauberes Handtuch und gehen zum Duschen. "Sie glauben gar nicht, wie eine Dusche einen Menschen verändern kann", lacht Bärbel Ackerschott. Kurz vor zehn Uhr klingelt es wieder an der Tür. "Hallo Dieter ", begrüßt Michelle den späten Gast und muss bedauern.“Alle Betten sind belegt. Aber komm zurück, wenn du auch bei den anderen nichts findest. Dann legen wir noch eine Matratze dazu."

Es ist still geworden im Haus Victoriastraße 12. Die Uhr zeigt fünf Minuten vor elf. Bärbel, Michelle und Estafan räumen den Tisch ab, schalten das Fernsehgerät aus, bringen den Aufenthaltsraum in Ordnung und gehen dann gemeinsam zur Komplet in die kleine Kapelle. Die Gäste ruhen schon, aber sie wissen: weil der Zettel mit ihren Namen in der Bibel liegt, sind sie im Gebet mit dabei. "Das beruhigt mich ungemein", hat neulich einer gesagt, obwohl er "mit Gott sonst nichts zu tun hat.“ Für Bärbel Ackerschott und Hund Krümel beginnt ein später Feierabend. Michelle legt sich zum Schlafen ins Büro. Sie hat Bereitschaft, und für Estafan beginnt die Nachtarbeit. Das bedeutet neben anderen Aufgaben: mindestens fünf Maschinen Wäsche waschen und trocknen, damit am Morgen alle Gäste wieder sauber auf die Straße entlassen werden können.

 

Arbeits- und Gebetsgemeinschaft

Die Laudes, das Morgengebet, beendet die Nachtschicht für Bärbel, Michelle und Estafan und ist der Beginn der Frühschicht für den Mitarbeiter in der Krankenwohnung. „Wir sind eine Arbeits- und Gebetsgemeinschaft. Das bedeutet, dass feste Gebetszeiten zu unserem Arbeitsrhythmus gehören", sagt Bärbel Ackerschott und versichert: "Das ist unsere Ressource." Gäste sind bei den Andachten und Messen immer willkommen. Drogenabhängige nehmen meistens teil, wenn einer von ihnen gestorben ist. Für sie ist der Gottesdienst im Notel die einzige Möglichkeit, ritualisiert Abschied zu nehmen. „Dann rücken sie zusammen. und die Situation ist atmosphärisch dicht. Aber bald geht das Leben für sie weiter - und die Trauer wird weggespritzt."

Feste Gebetszeiten gehören für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Notel zum Arbeitsrhythmus. Auch Hund Krümel will hier natürlich nicht fehlen.

In den letzten zwei Jahren sind im Notel drei Gäste gestorben. In der Sprachlosigkeit dieser Erfahrung ist es den Mitarbeitern wichtig, die Abschiedsreden aus dem Johannesevangelium zu lesen und den Toten mit dem Kreuz auf der Stirn zu zeichnen wie bei der Taufe. “Für uns ist es in Ordnung. dass sie nicht auf der Straße, sondern bei uns im Note! menschenwürdig im Bett gestorben sind", sagt Bärbel Ackerschott. Ihre Einstellung zum Tod habe sich in den Jahren verändert, sie habe gelernt, dass es Schlimmeres gibt als Sterben.

Wer sind sie. diese Frauen und Männer, die hier im Note! in Köln arbeiten? Und warum tun sie diese Arbeit? Da ist zunächst die Leiterin der Einrichtung, Bärbel Ackerschott. Nach einer kaufmännischen Ausbildung studierte sie Sozialarbeit und ließ sich als Suchttherapeutin ausbilden. Sie gehört zu den Laienspiritanern, die es sich - getreu der Intention des Gründers des Spiritaner-Ordens, Franz Libermann, - zum Ziel gesetzt haben, "zuerst zu denen zu gehen, die unterdrückt und am meisten benachteiligt sind". Für Bärbel Ackerschott bedeutete dies, mit ihrer Arbeit für die Drogenabhängigen in Köln im Auftrag der Spiritaner zu beginnen.

 

Profis und Ehrenamtler

"Wir sind ein Profiteam von acht Leuten", sagt sie. "Unterstützt werden wir von engagierten Ehrenamtlern. von Studenten und Praktikanten , unter ihnen die Mitglieder der Kommunität Cosmas und Damian und der Laienspiritaner. Etliche kommen aus Pflegeberufen und der Sozialarbeit. Melanie, 34 Jahre alt, hat ihr Praxissemester in Sozialarbeit im Notel absolviert und ist hier nun fest angestellt. Michelle, 24 Jahre alt, hat Erziehungswissenschaften studiert, auch Jan und Christian vom vorigen Nachtdienst studieren Sozialarbeit. Estafan stammt aus Guatemala und hat in seiner Heimat Politikwissenschaft studiert.

"Für die Drogenabhängigen verstehen wir uns als Wegbegleiter. Wir sind außerhalb der Szene Gesprächspartner und Anlaufstelle", erklärt Bärbel Ackerschott. Sie zitiert die Grundaussage des Alten Testamentes: 'Ich bin der, der da ist'. "Unsere Gäste sind in der Wüste ihres Lebens. Wir begleiten sie, oft auch mit Kopfschütteln, und helfen ihnen, diese Wüste zu überleben - und wenn wir Ansätze für Veränderung sehen, wenn sie drogenfrei sein wollen, dann unterstützen wir sie. Sie müssen Veränderung wollen. Unser Wollen erleben sie als Bedrohung. Unsere Aufgabe ist es nicht, sie zu retten, sondern sie zu lieben. Lieben heißt, ihnen gerecht werden."

Bärbel Ackerschott gehört als Laienspiritanerin zu einer Gemeinschaft, die seit mehr als 300 Jahren "für die Armen und am Rande der Gesellschaft lebenden Menschen da ist und ihnen die Frohe Botschaft bezeugt“: Inzwischen arbeiten rund 3500 Spiritaner in mehr als 50 Ländern der Erde. Die Spiritaner-Stiftung, die die Arbeit des Kölner Notels trägt , führt bewusst diese Tradition fort, getreu ihrem Motto: .Wir sind davon überzeugt, dass es das grundlegende Recht eines jeden Menschen ist, in seiner Ganzheit befreit in einer friedlichen und gerechten Welt leben zu können '. Pater Libermann: "Verhältnisse, die nicht sofort zu ändern sind, müssen erträglicher gestaltet werden."