Marte Meo

Sozialpsychiatrisches Zentrum gewinnt den Elisabeth-Preis 2014

Am 19.11.2014 wurde dem SPZ für die erfolgreiche Installation der Methode Marte Meo in der Bundeskunsthalle Bonn der Elisabeth-Preis verliehen, mit dem die Caritas Stiftung herausragendes soziales Engagement im Erzbistum Köln würdigt. Hier der Filmbeitrag für Sie:

| SKM Film Box: Elisabeth-Preis 2014

Marte Meo - Unsere ausführliche Filmdokumentation

Marte Meo lässt Menschen wachsen
Wir wünschen Ihnen gute Unterhaltung bei unserem Dokumentationsfilm zur Methode Marte Meo. Von der Schulung bis hin zum konkreten Praxiseinsatz in der ADele-Angehörigenberatung wird der Einzug dieses Beratungsansatzes im SKM visuell begleitet.
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Im Sozialpsychiatrischen Zentrum gibt es seit Sommer 2011 ein Projekt mit dem Titel „Marte Meo in der Angehörigenberatung", das von der Caritasstiftung für das Erzbistum Köln in einem kleinen Umfang für drei Jahre finanziert wird.

Im Rahmen der Beratung bei ADele kam immer wieder die Frage auf, wie man die kommunikativen Fähigkeiten von Angehörigen dementiell Erkrankter so beeinflussen kann, dass sie selbst und natürlich die Betroffenen mehr Lebensqualität haben können.

Sie sollten lernen, nicht „falsches" Verhalten der Erkrankten zu korrigieren, sondern ihnen Struktur und Orientierung zu geben, damit sie es „richtig" machen können.

Marte Meo heißt aus eigener Kraft handeln. Diese Kraft wollen wir im Sinne von Maria Aarts nutzen, um Angehörige zu befähigen, mit den besonderen Bedürfnissen ihrer psychisch erkrankten Familienmitglieder gut umgehen zu können, ihre eigenen Ressourcen zu schonen und so weit zu erhalten, dass sie die längerfristige Begleitung psychisch und körperlich schaffen können.

Den anderen (erkrankten) neu kennenzulernen geht bei Marte Meo über den Weg, sich zunächst selbst neu kennenzulernen, sich der eigenen Kompetenzen bewusst zu werden und diese dann gezielt und fördernd einzusetzen. Das hört sich kompliziert an, aber die Erfahrung zeigt, dass es in kleinen, einfachen Schritten zu schaffen ist.

Die Idee Marte Meo als Methode einzusetzen, kam in einem „Qualitätszirkel", den das SPZ gemeinsam mit anderen Fachleuten rund um das Thema Demenz anbietet. Dort berichtete Frau Dr. Ursula Becker von positiven Erfahrungen im stationären Altenpflegereich mit der Methode Marte Meo.

Unser Interesse wurde geweckt. Was stationär gut funktioniert, kann man möglicherweise auch auf den häuslichen Bereich übertragen. In unserem Projekt wollen wir die Wirksamkeit von Marte Meo in der ambulanten gemeindepsychiatrischen Arbeit (besonders mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind und ihre Angehörigen) herausfinden. Das ist uns wichtig, da die meisten unseren alten Klienten zu Hause wohnen und gepflegt werden und das auch in Zukunft tun wollen.

Aus den vielen Gesprächen mit den Angehörigen wissen wir, mit welchen psychischen und körperlichen Belastungen die häusliche Betreuung von Demenzkranken verbunden ist. Marte Meo scheint uns ein Ansatz zu sein, diesen Belastungen ein wenig entgegen zu wirken.

Marte Meo setzt als Methode an den natürlichen Verhaltensweisen an, die kommunikativ gut entwickelte Eltern im Umgang mit ihren kleinen Kindern zeigen. Diese Verhaltensweisen brauchen nicht gelernt zu werden, sondern werden intuitiv gezeigt. Marte Meo macht sie allerdings sichtbar und auch für Laien erkennbar und somit bewusst abrufbar. Den Transfer vom natürlichen Eltern-Kind-Verhalten auf die Kommunikation mit einem psychisch beeinträchtigen Angehörigen (egal, ob jung oder alt) wird mit Hilfe des Marte Meo Therapeuten vollzogen und gelingt auch Menschen, die bisher keine Erfahrungen und Ausbildung bezüglich ihres kommunikativen Verhaltens erhalten haben.

Ein kurzer Bericht aus der Praxis verdeutlicht, was Marte Meo in der Angehörigenberatung bewirken kann.

Erfahrungen einer pflegenden Angehörigen mit Marte Meo

Ich pflege seit 12 Jahren meinen an Demenz erkrankten Mann.

Als mir erste Anzeichen von Vergesslichkeit in einer für ihn fremden Umgebung auffielen, fuhren wir zur Abklärung in die Gedächtnisambulanz.

Die Diagnose des Arztes lautete: Alzheimer

Sein Arzt verordnete ihm ein Medikament, das ein Fortschreiten der Krankheit verzögern sollte. Ich kann sagen: Mit Erfolg.

Von diesem Zeitpunkt an war die medizinische Versorgung und Betreuung gewährleistet. Es wurden regelmäßig Tests durchgeführt und er nahm an 2 Studien teil.

Der Alltag zu Hause war vorerst nicht belastet. Trotzdem besuchte ich eine Gruppe für pflegende Angehörige. Der wichtigste Satz der Leiterin lautete: Wer pflegen will, muss sich selbst pflegen. Mir wurde Lektüre empfohlen, die ich sorgfältig und immer wieder las, um die einzelnen Phasen der Krankheit  zu begreifen.

Als mein Mann eine Pflegestufe bekam, wollte ich, dass er einmal in der Woche in die Tagespflege geht. Mir wurde gesagt, zwei Mal wöchentlich sei für einen Demenzkranken besser und ich stimmte zu.

Ich war entlastet, doch ich wurde immer wieder mit Situationen konfrontiert, die mich zuerst verunsicherten, dann hilflos machten, bis ich schließlich allein nicht mehr weiterwusste.

Eine Betreuerin der Tagespflege meinte schließlich: Sie brauchen Hilfe. Sie empfahl mir Frau Schmidt, Mitarbeiterin der Beratungsstelle ADele – Mit Alzheimer und Depressionen leben lernen – Meckenheim, ein Angebot des SKM Siegburg.

Frau Schmidt  kam zu mir nach Hause, um zu sehen und zu hören, welche konkrete Hilfe ich brauchte.

Sie unterstützte mich dabei, dass ab sofort ein Pflegedienst ins Haus kam, um meinen Mann zu duschen. Außerdem machte sie einen Vorschlag, wie ich eine kurzfristig abgesagte Reise mit meinem Mann doch noch antreten konnte.

Dann stellte sie mir das Marte Meo-Projekt vor und fragte mich, ob sie schwierige Alltagssituationen bei uns zu Hause mit der Videokamera aufnehmen dürfte. Ich war sofort einverstanden.

Einige Zeit später besprach Frau Schmidt die Auswertung des Films mit mir und zeigte mir kleine Sequenzen daraus. Es ging um die Frage: Was braucht mein Mann?

In einer kurzen Sequenz sah ich es: Er braucht Anleitung, ein positives Leiten, das ihm Sicherheit gibt.

Und mir wurde bewusst, dass mein Mann oft nicht weiß, was als Nächstes kommt. Deshalb sollte man die Dinge benennen, langsam und ruhig sprechen, nicht viel erklären und abwarten, bis die Information bei ihm angekommen ist.

Ich wusste jetzt, verzögertes Handeln meines Mannes hieß nicht: Ich mache das nicht, ich will das nicht.

Durch Marte Meo bekam ich konkret und verständlich vermittelt, wie ich mit neuen schwierigen Situationen umgehen kann.

Dadurch hat sich vieles vereinfacht und ich wurde sicherer.

Wie sehr ich die Marte Meo-Methode inzwischen verinnerlicht hatte, zeigt folgende Situation:

Mein Mann besucht einmal wöchentlich das Cafe Vergissmeinnicht. An einem dieser Nachmittage wollten die Betreuerinnen die Gäste, unsere Angehörigen, in den wunderschönen Garten begleiten.

Mein Mann wollte aber nicht. Das hörte eine Dame, die ihren Mann ebenfalls an diesem Tag ins Cafe begleitet hatte und redete auf meinem Mann ein: Es sei doch so schön draußen, ob er die vielen schönen Blumen schon gesehen habe, es gingen doch alle, das täte ihm bestimmt gut.

Ich saß neben meinem Mann und hörte nur zu. Mir fiel Marte Meo ein: langsam sprechen, immer nur eine Sache benennen!

Es erledigte sich dann alles von selbst, weil mein Mann zur Toilette wollte. Als er zurückkam, waren die meisten Besucher schon wieder zurück aus dem Garten.

Ich veränderte mich. Ich wurde sensibler und bemühte mich, Abstand zu gewinnen und nahm mir bewusst Zeit zum Atemholen. Bis heute versuche ich, mich auf das einzustellen und einzustimmen, was vor mir liegt. Ich nenne es meine Struktur, ein Ritual.

Am Morgen überdenke ich meinen Tag. Wieviel Kraft brauche ich heute und wofür setze ich sie ein? Nicht nur unsere demenzkranken Angehörigen brauchen Rituale und feste Zeiten. Auch wir brauchen sie.

Nicht nur unsere Angehörigen wünschen sich Aufmerksamkeit, wir schenken sie uns in gleichem Maße.

Die Pflege zu Hause ähnelt einem Beruf, für den ich mich entschieden habe, in dem ich mich weiterbilde, neue Aufgaben übernehme, weil dieser Beruf es erfordert; indem ich einen strukturierten Tagesablauf schaffe, kreativ werde, um mir das tägliche Leben zu erleichtern und, wie in anderen Berufen auch, Freiräume zu schaffen als Ausgleich zu meinen beruflichen Pflichten.

Mit dieser Entscheidung gebe ich bei „Dienstantritt" mein Bestes.

Vielleicht kommt der Zeitpunkt, an dem ich diesen „Beruf" nicht mehr ausüben kann. Dann gibt es neue Wege. Ich denke sehr oft an das, was Frau Aarts schreibt:

Schwierigkeiten in Möglichkeiten verwandeln.

Doch es verändert sich nicht immer sofort etwas. Manchmal ist auch keine Lösung in Sicht. Eine Woge von Gefühlen überkommt mich dann, die schmerzhaft sind und hilflos machen. Doch je schneller ich die Situation akzeptiere, desto kürzer ist die belastende Zeit des Aushaltens.

Dabei ist es so wichtig, weiterzumachen, die täglichen Pflichten nicht zu vernachlässigen, sich selbst wieder zu beachten, bis sich wieder innere Ruhe einstellt. Sie sollte ausgekostet werden. Ich genieße einfach, dass es wieder leicht geworden ist. Ich sehe plötzlich die Dinge, die ich gut kann, die ich gut gemacht habe und um die ich mich auch weiter bemühe. Wenn ich nur für eine kurze Zeit spüre, dass ich in Ordnung bin, dass es ausreicht, was ich tue, fühle ich mich unendlich erleichtert.

Am 21.10.2012 schrieb ich in mein Tagebuch:

„Frau Schmidt machte mich auf etwas sehr Positives aufmerksam. Sie erlebte, wieviel Freude wir noch zusammen haben, dass wir lachen können und wie  sehr er mir vertraut."

Ich schaue dankbar zurück. Frau Schmidt war immer für mich da: aufmerksam, freundlich, verständnisvoll und aufbauend, wenn ich Fragen zu schwierigen Situationen hatte. Das hat Vertrauen geschaffen und mich motiviert.

Für mich ist sie eine wunderbare Vermittlerin der Marte Meo-Methode und ich bin überzeugt, dass sie es für viele Menschen noch werden wird. E.K.

Die guten Erfahrungen mit der Methode Marte Meo in der Beratung von Angehörigen von dementiell Erkrankten hat uns motiviert, auch in anderen Bereichen des SPZ mit dieser Methode zu arbeiten.

Auch hierzu ein Erfahrungsbericht. Es ist der Brief einer jungen, psychisch erkrankten Frau nach der dritten Sitzung mit der Methode Marte Meo.

Erfahrungsbericht einer jungen, psychisch erkrankten Frau nach der der dritten Sitzung mit der Methode Marte Meo

„Hallo Frau Graaf,

mir geht es gut. Sogar besser seit ich dieses Marte Meo mache.

Ich hatte jetzt die ganze Zeit um nachzudenken über mein Leben und was ich alles falsch gemacht habe. Ich habe die Fehler immer bei den anderen gesucht, bei mir wusste ich nicht, wo ich suchen sollte. Seit einigen Tagen weiß ich was ich will und was ich besser machen werde.

....

Ich möchte meine Tochter so wahrnehmen können, wie ich es früher getan habe. Einfach mehr auf sie eingehen. Und vor allem möchte ich nicht die Fehler aus meinem Leben streichen und vergessen, ich möchte sie bearbeiten und daraus lernen.

Mir ist bewusst geworden, dass ich diese Fehler teilweise aus Unwissenheit, falsche Verständigung, falsche Auffassung und vor allem deshalb gemacht habe, weil ich alleine war.  Aber ich bin nicht allein, ich werde und war niemals alleine.

Meine Tochter ist für mich da, mein Mann, meine Freundin und vor allem die Hilfe von Menschen, von denen ich es nicht erwartet hätte, z.B. von Ihnen oder vom Forum Senioren. Dieses Unbewusste und Unscheinbare ist es, was mich zum Nachdenken gebracht hat und vor allem die Kontakte, wenn ich nach Bonn fahre oder unterwegs bin.

Ich finde, ich habe mich lange genug vor diesen Problemen versteckt. Die ich jetzt für mich zur Herausforderung umwandeln werde.

Dies kann ich gut am letzten Besuchskontakt am 01.4.12 erklären.

Frau H. hat mich alleine im Zimmer mit ihr spielen lassen und es hat geklappt wie früher. Es war etwas  schwieriger, weil so viel neu ist aber ich habe es gut hinbekommen.

Ich habe C. nicht gesagt, was sie falsch macht sondern habe es ihr an anderen Stellen positiv erklärt. (z.B. sie sollte erst mal mit mir den Käfer basteln, dann räumen wir den Tisch auf und sie hat Platz zum Malen). Das war viel besser.

Wenn ich unterwegs bin, schaue ich mir das Verhalten der anderen an und lerne und begreife, was ihre Körperhaltung, ihre Mimik und Gestik und ihre Sprache alles bewirken und wie dies auf andere wirkt.

Aber ich habe noch eine gute Neuigkeit für Sie bzw. zwei:

-       ich finde mein Selbstvertrauen wieder

und

-       ich habe die Stelle bei den grünen Damen ... auf Probe bekommen. Ich habe Frau S. mit Fachwissen überzeugen können ... ich war selber mit mir so erstaunt und froh darüber ...

Sie sollten auch wissen bzw. erfahren, dass ich seit Jahren das erste Mal freiwillig und ohne Zwang in einer Kirch ... war. Ich war dort, weil ich einfach nicht weiter wusste und einfach mal nachdenken musste. Hab sogar einen Zettel geschrieben, den der Pfarrer in der Abendmesse mit ins Gebet nehmen konnte. (Dies hätte ich mir nie erträumen lassen, dass ich das mal irgendwann tue. Es tut mir eigentlich sehr weh, wenn ich diesen Ort betrete, weil ich diese Herzlichkeit von früher nicht so kannte und auch heute kaum verarbeiten kann. Aber dies kommt Stück für Stück, dass ich es wieder lerne. Es ist einfach diese Liebe und dieses (blinde) Vertrauen, was ich dort fühle.)

Es ist schön, dass ich Ihnen meine Gedanken und Gefühle so mitteilen kann. ..

Vielen Dank B"

*Für ihre Offenheit der Methode Marte Meo gegenüber und für ihre Bereitschaft, die Texte

veröffentlichen zu dürfen, bedanken wir uns bei den beiden Autorinnen ganz herzlich.