EU-Mobilität und prekäre Beschäftigung in den Grauzonen der häuslichen Betreuung

Dokumentation der Fachtagung
"EU-Mobilität und prekäre Beschäftigung in den Grauzonen der häuslichen Betreuung" am Freitag, 26. September 2014 | Maternushaus, Köln

In Deutschland sind rund 150.000 ausländische Frauen in Privathaushalten älterer, pflegebedürftiger Menschen beschäftigt – die wenigsten von ihnen in regulären Arbeitsverhältnissen. Offiziell „Haushaltshilfen“, leisten sie in Wirklichkeit oft viel mehr: Neben dem Putzen, Kochen, Einkaufen und Bügeln wird von ihnen meist auch die körperpflegende bis hin zur fachpflegerischen Versorgung der schwer Pflegebedürftigen erwartet. Daraus kann komplette Überforderung resultieren: Mangelnde Deutschkenntnisse, die Erwartung, für die Pflegebedürftigen rund um die Uhr zur Verfügung zu stehen, die Trennung von ihren Familien – all das lässt diese Frauen in soziale Isolation und oftmals emotional schwierige Situationen geraten. Sie werden regelgerecht ausgebeutet. Ein Ziel des Projekts „Die Zukunft der Pflege ist bunt“ ist es, prekär in der häuslichen Betreuung Beschäftigten – in aller Regel Frauen – in Krisensituationen Zugang zu Beratung und Unterstützung zu ermöglichen


Mit dem Fachtag „EU-Mobilität und prekäre Beschäftigung in den Grauzonen der häuslichen Betreuung“, der sich in das Caritas-Jahresthema „Weit weg ist näher, als Du denkst“ einreiht, wurde der Blick auf die Lebenslagen und die Beschäftigungsformen ausländischer Haushaltshilfen gelenkt. Dabei wurden von den rund 70 Teilnehmenden verschiedendster Professionen Fragen wie etwa diese in den Blick genommen: Wie sieht prekäre Beschäftigung aus der Perspektive der Betroffenen aus? Welche Hilfen und Unterstützungen brauchen sie? Welche Folgen haben diese Beschäftigungsformen sozialpolitisch und gesellschaftlich?

Die Präsentationen und Vorträge der Tagungsreferentinnen und Tagungsreferenten finden Sie im Folgenden:

  • Begrüßung und Einführung in die Thematik | zum PDF-Dokument...
    Dr. Helmut Loggen, stellvertretender Direktor des Diözesan-Caritasverbandes für das Erzbistum Köln e. V.
  • Vortrag: Das offene Europa und die prekäre Beschäftigung | zum PDF-Dokument...
    Prof. Dr. Dietrich Thränhardt, Professor für Vergleichende Migrationsforschung, Universität Münster
    Aufsatz: „Tendenzen der innereuropäischen Migration“ | zum Artikel - externer Link...
    Von Prof. Dr. Dietrich Thränhardt, erschienen in „Aus Politik und Zeitgeschichte“ (47/2013)
  • Vortrag: Gründe für die Entstehung und Spannungsfelder der Arbeit ausländischer Betreuungskräfte in Privathaushalten. | zum PDF-Dokument...

    Nachfrageorientierte Einflussfaktoren und Ergebnisse aus dem Forschungs- und Entwicklungsprojekt „ZuRuV“

    Sabine Neukirch, Projektleiterin & wissensch. Mitarbeiterin der Hochschule Niederrhein

  • Vortrag: Leben und Arbeiten im Haushalt  | zum PDF-Dokument...
    Befragungsergebnisse zur Versorgung durch migrantische Haushaltshilfen.
    Andrea von der Malsburg, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung e.V. (DIP)
  • Vortrag: „Land ohne Frauen“ | zum PDF-Dokument...
    Konsequenzen der Migration für Rumänien und die Arbeit der dortigen Caritas.
    Claudiu Nicuşan, Generalsekretär Caritas Mitropolitan Greco-Catolic, Blaj, Rumänien
  • Vortrag: Hausgemachte Probleme? | zum PDF-Dokument...
    Zur Rechtslage prekärer Beschäftigungsverhältnisse in deutschen Haushalten.
    Dr. Elke Tießler-Marenda, Referentin für Migration und Integration beim Deutschen Caritasverband Freiburg

Die Teilnehmenden der Fachtagung haben in kleineren Foren drei Aspekte diskutiert:

Forum 1: Tausche Heimat gegen Job: Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten? Zur Situation von ausländischen Betreuungskräften in Deutschland und in den Herkunftsländern.

Forum 2: Blick über den Tellerrand: Beispiele der Organisation privater Pflegeverhältnisse in anderen EU-Staaten.

Forum 3: Hausgemachte Probleme? Zur Rechtslage prekärer Beschäftigungsverhältnisse in deutschen Privathaushalten.

 

Folgende Ergebnisse können aus der Forenarbeit genannt werden:

  • Im Interesse der zu Pflegenden und der Pflegekräfte müssen die privaten Pflegearrangements raus aus der Grauzone. Diese Tätigkeit kann und darf auf Dauer nicht länger als reine Privatangelegenheit behandelt werden, auch wenn es sich um eine Arbeitstätigkeit in einem privaten Haushalt handelt. Dass die Privatssphäre äußerst wichtig ist, wurde nicht bestritten.
  • Die Planung und Organisation einer wertschätzenden und fachgerechten Betreuung und Versorgung von alten und pflegebedürftigen Menschen sollte zuerst unter dem Blickwinkel einer ethisch vertretbaren Form von Pflege und Arbeit verfolgt werden und erst in einem späteren Schritt der Blick auf die Finanzierbarkeit einbezogen werden. Sowohl für die Pflegebedürftigen, aber gerade auch – im Hinblick auf private Pflegearrangement in privaten Haushalten- für die Betreuungskräfte muss eine Anwerbung von Arbeitskräften aus dem Ausland und deren Arbeitsansatz ethisch vertretbar sein: Sowohl eine etwaige Anwerbung, erst recht aber die Beschäftigung in Deutschland muss fair, human, unter Beachtung der Menschenrechte und des Arbeitsschutzes verantwortungsbewusst gestaltet werden. Für ein faires Miteinander auf europäischer Ebene dürfen uns die Konsequenzen in den Herkunftsländern grundsätzlich nicht gleichgültig sein.

 

Dies anzugehen und zu organisieren benötigt eine breite interdisziplinäre und gesamteuropäische Beteiligung und Vernetzung von verschiedenen Akteuren: Gefordert und gefragt sind dafür u.a.

  • Sensibilisierung und Aufklärung der Öffentlichkeit für die teils prekären Arbeitsverhältnisse und ihrer Folgen
  • Für das Wohl des Pflegebedürftigen und der Betreuungskraft ist das Zusammenspiel mehrerer Akteure erforderlich: Um einer Überlastung oder auch Ausnutzung der Betreuungskraft entgegenzuwirken, sollten die Familien die Aufgaben klug auf mehrere Schultern verteilen und private Pflegearrangements, ambulante Dienste, Nachbarschafts- und Quartiersangebote sowie ihre eigene mögliche Arbeitsleistung vernetzen. Es handelt sich hier nicht um eine Konkurrenzsituation zwischen privaten Pflegearrangements und Anbietern von regulärer, ambulanter Pflege. Es geht um eine gute Versorgung und Betreuung, die gute und faire Arbeitsbedingungen nicht ausschließen.
  • Suche nach rechtlichen Lücken in den nationalen und internationalen Rechten und Gesetzen, die eine ausbeuterische Beschäftigung von Frauen nicht nur dulden, sondern sogar ermöglichen. Wichtig ist das Schließen dieser Gesetzeslücken. Hier sind auch die politischen Vertreter der EU-Staaten sowie das EU-Parlament gefordert.
  • Es braucht Möglichkeiten für die sogenannten 24h-Betreuungskräfte, soziale und rechtliche Beratung zu bekommen sowie Hilfestellungen, aus der Grauzone in eine reguläre Tätigkeit zu kommen. Dies könnte modulare Qualifizierungen bis hin zu einer Pflegefachkraftausbildung beinhalten.

Ihr Kontakt zu uns

Ulrich Förster

Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln e. V.

 

Tel.: 0221 2010-127

Fax: 0221 2010-121

E-Mail: ulrich.foerster@caritasnet.de

 

 

"Die Zukunft der Pflege ist bunt" war ein Projekt des Diözesan-Caritasverbandes für das Erzbistum Köln e.V., das im Rahmen des XENOS-Programms „Integration und Vielfalt" durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und den Europäischen Sozialfonds gefördert wurde.