Gregor Heidkamp, Kitaleiter

Familienzentrum St. Paulus, Langenfeld

Wie viele Erzieher und wie viele Erzieherinnen arbeiten in Ihrer Kita?

12 Mitarbeiterinnen und 1 FOS 11 Praktikant

Wie alt sind Sie?

Ich hatte letztes Jahr „gerundet“: 40.

Herr Heidkamp, es gibt unzählige Berufe, wieso haben Sie sich für Sozialpädagoge entschieden?

Ich bin in und mit der katholischen Jugend groß geworden, d.h. Messdiener, Jugendchor, offene Tür und vieles mehr. Letztendlich war ich dann 12 Jahre Ministrantenleiter, diese Zeit prägt. Es war klar, dass ich mit Kindern oder Jugendlichen in einem sozialen Umfeld arbeiten wollte, wie auch immer.

Wollten Sie damals schon irgendwann einmal in einer Kita arbeiten?

Ich merkte schnell, dass mein persönlicher Schwerpunkt in der Kleinkindpädagogik lag, ich war sogar schon ein „männlicher Babysitter“, was übrigens sehr gut in den Familien ankam. Gerade die Kleinen strahlen so eine große Lebensfreude aus. Sie fallen hin und stehen wieder auf, immer wieder. Sie möchten noch die ganze Welt entdecken. Diese positive Energie steckt einfach an.

Haben Sie direkt Sozialpädagogik studiert oder vorher einen anderen Beruf erlernt?

Ich hatte anfänglich auch mal mit dem Lehramt für die Primarstufe geliebäugelt aber mich dann doch direkt für das Studium der Sozialpädagogik entschieden.

Wie sah nach dem Studium ihr Berufsweg aus? Haben Sie jemals als Erzieher/ bzw. Dipl-Soz. in einer Kita gearbeitet bevor Sie die Leitungsstelle übernommen haben?

Nun, ich muss sagen, dass ich während meines ganzen Studiums bereits als Ergänzungskraft stundenweise im Kindergarten gearbeitet hatte, man muss sich ja das Studium auch ein bisschen mitfinanzieren. Daher war auch immer klar, dass ich in diesem Bereich bleiben werde, obwohl ich als Diplom-Sozialpädagoge auch andere Tätigkeitsfelder besetzen könnte. Nach dem Studium bekam ich aufgrund der Qualifikation direkt eine Leitung übertragen. Aber in einer 3-gruppigen Einrichtung war ich da auch als Gruppenleitung tätig, also ganz nah am Kind. Dies war eine prägende Zeit. Seit nunmehr 10 Jahren habe ich eine freigestellte Leitung in einer 5-gruppigen Einrichtung.

Wie viele Erzieher und wie viele Erzieherinnen arbeiten in Ihrer Kita?

Unser Team besteht derzeit aus 16 Fachkräften, davon 14 Erzieher und Erzieherinnen sowie einer Heilpädagogin und ich als Sozialpädagoge. Mit meinem männlichen Kollegen sind wir derzeit immerhin 2 Männer, mit Zivi oder neudeutsch Bufi auch schon mal entsprechend mehr. Der männliche Faktor kommt sehr gut in der Team- und Gruppenarbeit an.

Was ist für Sie das spannendste an der Arbeit in der Kita?

Jeder Tag ist anders! Der Tag läuft nicht stupide ab sondern birgt an jeder Ecke neue Wendungen. Das Zusammenspiel zwischen Kindern, Erziehern und Eltern ist jeden Tag einen lohnenswerte Herausforderung. Es freut mich, wenn glückliche Kinder und Eltern die Einrichtung betreten und mit einem in Kontakt treten. Auch Sorgen und Nöte gehören zum Alltag, aber sicherlich keine Langeweile. Und jeden Tag kann man den Kindern neue Erfahrungen und Kenntnisse schenken. In welchem anderen Beruf kann man das?

Kita-Leiter ist ein verantwortungsvoller Job. Beschreiben Sie uns bitte kurz, worauf es in dieser Position besonders ankommt und was Ihre Hauptaufgaben sind.

Man(n) muss schon ein Allrounder sein: Man(n) braucht die Fähigkeit kleine und auch große Menschen zu begleiten und auch anzuleiten, zuzuhören aber auch eine klare Sprache zu finden. Man(n) braucht ein Händchen für Organisation und Struktur, PC-Kenntnisse und IT-Wissen sind heute ein unverzichtbarer Bestandteil und nehmen immer weiter an Gewicht zu. Man(n) darf sich von den vielen Aufgaben nicht erschlagen lassen, sondern muss seinen eigenen individuellen Weg gehen. meine Hauptaufgabe besteht darin, das Wesentliche nie aus den Augen zu verlieren, und das sind wir selbst: Kleine und große Menschen auf Gottes schöner Welt.

Wie haben Sie persönlich das Bewerbungsverhalten in den letzten Jahren erlebt? (z.B. Verhältnis von weiblichen zu männlichen Bewerbern). Vermehrt hört man von dem Fachkräftemangel im Kitabereich. Haben Sie diesen in Ihrer Einrichtung auch bereits wahrgenommen und Probleme, freie Stellen zu besetzen?

KiBiz und auch seine Revision hat sicherlich zu sehr vielen Neueinstellungen in den letzten 2 Jahren geführt. In der Tat hat dies zu einem Fachkräftemangel geführt. Das hat allerdings den positiven Nebeneffekt, dass die Berufsaussichten für neue Erzieher und Erzieherinnen sehr gut aussieht. Junge Männer haben hier ganz hervorragende Chancen! Ich denke, dass sich fast jede Einrichtung über einen männlichen Erzieher freuen würde!

Worauf achten Sie bei der Auswahl geeigneter Mitarbeiter?

Die Persönlichkeit! Die eigene und ganz individuelle Ausstrahlung die ein Bewerber mit sich bringt. Der Esprit muss stimmen, die Motivation des Bewerbers muss sich förmlich aufdrängen. Noten sind eher zweitrangig, da sie nicht immer aussagekräftig sind, z.B. wenn die Chemie zum Lehrer nicht gestimmt hat. Und männliche Bewerber haben schon im Vorfeld einen kleinen Pluspunkt, weil sie heiß begehrt sind.

Sprechen Sie gezielt Erzieher an, wenn Sie freie Stellen haben? Persönlich oder durch die Gestaltung der Stellenanzeige?

Unsere Ausschreibungen sind immer auch an männliche Adressaten gerichtet, oftmals mit dem Zusatz „männliche Kollegen sind uns herzlich willkommen“. Entgegen der sonstigen Gepflogenheiten der Höflichkeit werden die Männer aufgrund des Sprachbildes ja auch immer an erster Stelle genannt: „Wir suchen Erzieher / Erzieherinnen“.

Wie hat ihr Team auf Sie als Leiter und auf neue männliche Mitarbeiter reagiert. Gab es Bedenken oder Konflikte etc.?

Nein, alle haben sich gefreut. Ich wurde mit offenen Armen empfangen. Ich glaube, das Team hat sich auch sehr auf die Mischung gefreut.

Wie haben Sie die Reaktionen der Eltern erlebt, als Sie einen Erzieher einstellten?

Genauso! Bei den Neuaufnahmen gaben fast alle Eltern den Wunsch an, dass ihr Kind in die Gruppe mit dem „jungen Mann“ kommt. Es war einregelrechter Boom. Das sind einfach schon Vorschußlorbeeren aufgrund des Geschlechtes und nicht der tatsächlichen Leistung. Männliche Erzieher sind seltener und dadurch direkt kostbarer.

Und die der Kinder? Gibt es da Unterschiede in der Reaktion bei Mädchen und Jungen?

Die Kinder sind ebenfalls begeistert, ob Mädchen oder Jungen! Männer sprechen einfach anders mit den Kindern. Die Mädchen flirten regelrecht und freuen sich wenn sie auf die starke Schulter gehoben werden, die Jungens freuen sich über ihr männliches Pendant. Es klingt nach einem Klischee, aber endlich haben sie einen Erzieher für“ echte Männergespräche“ und zum Fußballspielen und Raufen sowieso.

Hat sich aufgrund des jetzt gemischten Teams etwas verändert? Erleben Sie die Jungen vielleicht sogar aufgeschlossener?

Ein gemischtes Team hat immer nur Vorteile. Einmal durch die unterschiedlichen Sichtweisen, die sich ständig ergänzen und vor allem bereichern. Aber auch Diskussionen werden anders geführt, es gibt eine andere Streitkultur bei Meinungsunterschieden, mit Verlaub, aber es gibt weniger „Zickenterror“. Die Mischung tut allen gut. Eine Geschlechtertrennung ist nie sinnvoll, das hat sogar die Bundeswehr eingesehen, wo es jetzt auch viele Soldatinnen gibt.

Sie haben bewusst das Thema Männer in der Kita in Ihr pädagogisches Konzept der Kita, die zugleich auch Familienzentrum ist, aufgenommen. Können Sie kurz schildern, warum Ihnen dies so wichtig ist?

Es wird endlich Zeit das positiv Männliche in den Erziehungsalltag zu integrieren, damit die Kinder in ihrem Alltag die zu oft wenig gefühlte reale Männlichkeit erleben. Die Kinder wachsen bis zum 10. Lebensjahr in ein von Frauen dominiertes Umfeld auf, ohne den Frauen dafür eine Schuld zu geben. Vielmehr sollen sich mehr Männer emanzipieren, an der Erziehung mitzuwirken. Wenn Männer der Kindertageseinrichtung fernbleiben, bleibt die Einrichtung gesellschaftlich unvollständig. Als Familienzentrum nehmen wir den Begriff „Familie“ sehr ernst: Familie umfasst eben auch Väter und Männer. Dies konzeptionell zu verankern ist nur ein erster Schritt.

Was würden Sie Menschen sagen, die Erziehern in Kitas skeptisch gegenüber stehen?

Ich wäre erstmal über soviel Unkenntnis sprachlos. Gedanklich würde ich mich fragen, ob sie überhaupt Ahnung von Erziehung und Pädagogik haben. Aber dann würde ich mir die Mühe machen, ihnen mit allen oben genannten Vorteilen Mut zuzusprechen.

Welche 3 Aussagen über den Erzieherberuf würden Sie jungen Männern mit auf den Weg geben, die überlegen, diesen Beruf zu erlernen?

Einen so vielfältigen Beruf, wie den des Erziehers, gibt es nicht noch mal. Auch keinen, der einem soviel zurück gibt. Und das jeden Tag aufs Neue!

Kinder ein Stück auf ihren Lebensweg zu begleiten und zu fördern ist ein Geschenk. Bei keinem anderen Beruf ist das Ergebnis so augenscheinlich und vor allem lebensfroh. Jedes Lächeln eines Kindes sagt dir Danke.

Überlasst das Feld der frühkindlichen Pädagogik nicht kampflos den Frauen, emanzipiert Euch und wirkt mit!

Sie binden auch sehr stark Väter in Ihre Kita mit ein, z.B. durch Vater-Kind-Aktionen. Wie erleben Sie die Väter dabei?

Aufgeschlossen und freudig. Sie wirken sehr gerne mit, man merkt, dass sie sich sehr freuen, diese wertvolle Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Etwas, was ihnen im Alltag so oft fehlt. Das diese Aktionen dann auch mit einem männlichen Kollegen durchgeführt werden, lockert die Sache auf. Man(n) kann eine Kindertageseinrichtung betreten, ohne in eine reine Frauenwelt einzutauchen.

Welche Rahmen- und Arbeitsbedingungen innerhalb der Kita würden Sie gerne ändern wollen, um die Kitaarbeit zu verbessern?

Wir brauchen nicht drumherum reden: Der Beruf des Erziehers oder allgemein alle pädagogischen und sozialen Berufe brauchen eine gesellschaftlich höhere Anerkennung, insbesondere auch finanziell. Die Bildung und Förderung von Kindern müsste eigentlich den höchsten Stellenwert der Politik haben, schließlich geht es um die Zukunft des Landes. Davon sind wir, trotz allen Bemühens, weit entfernt.